

Das letzte Jahr hat mir eine Tour de Force beschert. Es ging auf und ab für die Elomaran - erst das Interesse mehrerer größerer Verlage, dann die Absagen dazu. Dann das Interesse eines kleineren Verlags, das soweit ging, dass der Verleger meinen Agenten schon nach einem Vertragsentwurf gefragt hat, und damit endete, dass der Verlag auf Tauchstation ging und keinerlei Mails, Anfragen oder sonstiges mehr beantwortet hat. Wir haben nie mehr davon gehört.
So groß waren meine Pläne für den Oktober: Weil ich im November wie in jedem Jahr am Nanowrimo teilnehmen will, was bedeutet, daß ich etwas völlig neues schreibe und meine anderen Projekte ruhen lasse, habe ich beschlossen, Falkenwinter noch im Oktober zuende zu schreiben. Und, wo ich gerade dabei bin, auch noch Die Gauklerinsel. Das bedeutet: Drei Kapitel Elomaran, sechseinhalb Kapitel Gaukler. Vielleicht etwas zu gewagt, und im Moment sieht es nicht aus, als ob ich beides noch schaffen kann. Falkenwinter liegt gut im Rennen, aber für das zweite Buch wird es vermutlich nicht mehr reichen. Und das ärgert mich.
Ich habe mehr als eine schlechte Eigenschaft, aber eine, die doch ziemlich häufig von anderen enttarnt wird, ist mein Futterneid. Vielleicht kommt das, weil ich so viele Geschwister habe und immer Angst haben mußte, daß die mir was wegessen, aber auch wenn ich das gar nicht will und es meinem Bestreben, ein paar Kilos loszuwerden, entgegenwirkt, achte ich doch immer sehr darauf, beim Essen nicht zu kurz zu kommen. Einem meiner Meerschweinchen ist sein Futterneid zum tödlichen Verhängnis geworden, weil es wohl Angst hatte, wenn es zu lang überlegt, ob dieser saftige Efeu genießbar ist, fressen ihm die anderen den weg - aber habe ich daraus gelernt? Nein. Ich achte immer noch mit Argusaugen darauf, daß ich auch wirklich das größte Stück vom Kuchen bekomme. Es ist lästig und garstig, aber so bin ich nun mal.
Nicht weniger als zweihundertdreißig Seiten habe ich seit Anfang des Jahres für Falkenwinter zu Papier gebracht, und man sollte meinen, daß ich gut im Rennen bin und meinem Ziel, das Buch im Sommer fertig zu haben, einen Schritt näher. Aber auf einem ganz anderen Blatt steht das Vergnügen. Und bei allem Erfolg ist es damit im Moment nicht weit her. Die Kapitel, die ich zur Zeit schreibe, fühlen sich an, als wären sie nur Platzhalter für andere, bessere Texte, die ich irgendwann einmal schreiben werde. Die Luft ist halbwegst raus, und eigentlich bräuchte ich eine längere Pause, um Abstand von den Elomaran zu gewinnen, meinen Plot in Ruhe durchzuplanen und mein Herz wieder in die Sache zu stecken.
Mehrere Tage habe ich mit einer viralen Bronchitis darniedergelegen, jetzt komme langsam wieder auf die Beine - huste nicht mehr, aber das Fieber geht nicht richtig runter. Zum Glück kann ich mit dem Laptop im Bett liegen und zwischzendurch ein bißchen arbeiten, wenn ich nicht gerade schlafe - was leider zuletzt die größten Teile des Tages eingenommen hat, mit dem Ergebnis, daß ich dafür mitten in der Nacht plötzlich hellwach bin. Gut, wengistens laufen dann auch die olympischen Spiele, langweilen muß ich mich also nicht, aber eigentlich habe ich vor, am Montag wieder zur Arbeit zu gehen. Nur ohne Fieber, versteht sich, aber wenn ich Nachts wache und Tags schlafe, wird das so oder so schwierig.
Heute gab es ein Stück Kuchen für mich, auch wenn das noch von einem gemütlichen Abend am Dienstag übrig geblieben ist, und die Gäste kommen auch erst am Samstag: Aber heute konnte ich den zehnten Geburtstag der Elomaran feiern. Wirklich. Es sind zehn Jahre. Und anders als sonst üblich fühle ich mich angesichts dieser Tatsache kein bißchen alt. Es waren zehn gute Jahre. Ich habe fünfmal eine neue Arbeitsstelle angetreten und die letzte davon sogar behalten, ich habe fünf Romane fertiggestellt, drei davon aus den Chroniken der Elomaran, ich habe einen höchst erfolgreichen Autorenkreis gegründet, eine CD aufgenommen, im Fernsehen mitgespielt und fürs Fernsehen geschrieben, das Stranden eines Hörspielprojekts miterlebt und einen tollen Agenten gefunden. Es waren zehn gute Jahre, und die nächsten zehn werden noch besser.
Ich habe lange mit mir gerungen. Wenn es nach mir ginge, müßten alle Dinge so bleiben, wie sie sind, und so ablaufen, wie sie es immer getan haben, zumindest in meinem Umfeld. Ich bin nicht autistisch, aber zumindest ritualfixiert. Mit Änderungen tue ich mich schwer, aber manchmal muß es einfach sein. Vor allem dann, wenn es so, wie es war, nicht mehr weitergeht.
Gestern habe ich anderthalb Seiten an Falkenwinter geschrieben, ein echter Triumph - das heißt, es geht wieder bergauf mit mir. Über einen Monat lang habe ich nämlich nichts zustande gebracht, nicht nur keine Zeile Geschriebenes, sondern auch sonst nichts, außer schlafen und arbeiten und zwischendurch etwas essen. Am Ende habe ich die Tage rückwärts gezählt, die ich noch Vollzeit arbeiten mußte: Es ging einfach nicht mehr. Ich war gesundheitlich am Tiefpunkt angekommen, körperlich und geistig erschöpft, aufgebraucht, alle. Meine Internetaktivitäten hatte ich eingestellt, die Foren mußten ohne mich auskommen, und trotzdem reichte die Energie nicht mehr für das Nötigste. Der Mai war eine Qual. Einziger Lichtblick war das Wissen, daß es im Juni ganz anders werden sollte, und viel besser. Der Juni hockte am Horizont und strahlte mich an, und auf dieses Strahlen stolperte ich zu, mit allerletzter Kraft…
Irgendwann im April bin ich verschwunden, aus diesem Blog, aus den Chroniken der Elomaran, an denen ich seither auch nicht weitergeschrieben habe. Aber ich habe eine Ausrede, mehr noch: Eine Entschuldigung. Im April hatte ich nämlich ein Vorstellungsgespräch. Nicht das erste seit Beginn meiner Arbeitslosigkeit, seit Anfang 2006, auch nicht das erste, aus dem ich mit gutem Gefühl herauskam, aber das erste Erfolgreiche. Sie haben mich eingestellt. Seit dem 1. Juni bin ich nun wirklich und wahrhaftig Bibliothekarin. Halan wäre so stolz auf mich!
Dämmervogel ist fertig. Tatsächlich ist es das schon nominell seit Donnerstag, aber ich war nicht sicher - ich hatte einen tollen letzten Absatz, aber daß es der letzte sein sollte, merkte ich erst, nachdem er geschrieben war - eigentlich wollte ich für Donnerstag nur ganz normal Feierabend machen und am Freitag oder nach dem Wochenende daran weiterschreiben, die letzte fehlende Szene zu Papier bringen… Und dann hatte ich plötzlich einen Absatz geschrieben, der nur einer von vielen sein sollte und sich doch als ein guter Letzter herausstellte.
Weblog powered by Serendipity 1.5.4
© 2000 - 2011 by Maja Ilisch. All Rights Reserved.